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Hintergrund zur Thematik der Materialbestimmungen

Freitag, Jul 20, 2012 in Pro Cycling

 
Die Starterinnen des Frauenrennens bei den Deutschen Meisterschaften im Einzelzeitfahren wurden fast mehr durch einen übereifrigen Kommissär gequält als durch die Strecke. Denn er glaubte auf zehntel Zentimeter  (also 1mm) bei der Materialkontrolle bestehen zu müssen. In der laufenden Saison international vielfach eingesetztes Material, bei dem seine Kommissär´s Kollegen bisslang keine Einwände hatten, durfte auf einmal nicht mehr verwendet werden. Wer solch ein Treiben noch nicht beobachtet hatte, glaubte an die Aufführung eines Sketches. Für die Fahrerinnen war das natürlich weniger Witzig. Also wurde in der Startzone fleißig geschraubt und Diskutiert, bis letztlich irgendwie eine Lösung gefunden wurde. Auch die meisten unserer Mädels waren betroffen und gingen entsprechend genervt auf die Strecke.
 
Es gibt von der UCI Vorgaben wie die Räder beschaffen sein müssen, um für offizielle Wettkämpfe zugelassen zu sein. Dafür gibt es gute Gründe. Zum Beispiel die Sicherheit, die Chancengleichheit und auch die Gesundheit. Gerade im Zeitfahren spielt das Material eine große Rolle und entsprechend greift das Reglement hier regulierend ein. Sonst würden manche Fahrer Material verwenden, welches zwar aerodynamisch aber nicht mehr stabil wäre. Wer die finanziellen Möglichkeiten hätte, könnte Material in Windkanaltests immer weiter optimieren und die Sitzposition zu lasten der Gesundheit ins extreme treiben. In den letzten Jahren haben sich durch Carbon die Möglichkeiten zur aerodynamischen Gestaltung stark verändert und beschleunigt. Entsprechend kommt es auch ständig zu Änderungen und Ausweitung des Reglements. Gerade für Amateure, die den Sport in der Freizeit selbst finanzieren müssen, nicht ganz einfach. Ein Rad, das man sich gerade angeschafft hat, kann im Folgejahr schon verboten sein. Selbst Material, das schon viele Jahre alt ist, kann eventuell nicht mehr zugelassen sein und man wird gezwungen, viel Geld für neues Material auszugeben. Die UCI hat nun eine Möglichkeit entdeckt, mit diesem Thema auch Geld zu verdienen. Mehr und mehr wird in Wettkämpfen nur noch Material zugelassen, welches zuvor durch die Hersteller bei der UCI teuer zertifiziert werden musste. Ein Nachteil: Die große Vielfalt an Herstellern und das damit verbundene Innovationspotential wird gefährdet. Denn gerade für kleine Hersteller ist die teure UCI Zertifizierung nicht zu leisten. Ebenfalls beachtet das Reglement nicht die individuellen Unterschiede zwischen Mann und Frau. Eine schon lange bestehende Regel besagt, dass die Sattelspitze 5cm hinter dem Lot über dem Tretlager sein muss. Hier gibt es unter gewissen Umständen noch eine Toleranz aus morphologischen Gründen, die aber dem Problem ebenfalls nicht gerecht wird. Denn Frauen stellen den Sattel nicht ganz nach vorne, um in irgendeiner Weiße aerodynamischer zu sitzen oder dergleichen. Der Grund ist ganz einfach: Die Sättel verursachen im schmalen vorderen Bereich ungemeine Schmerzen im Genitalbereich. Deswegen sitzen sie lieber möglichst weit hinten auf dem Sattel. Jungs haben damit weniger ein Problem. So kann man nur mutmaßen, dass in den entsprechenden Gremien der UCI die Entscheidungen zum Reglement vorrangig durch Männer getroffen werden, ohne die andere Seite mit einzubeziehen.
 
In der Praxis bedeutet die gesamte Thematik leider folgendes: Die Profis und Spitzenathleten haben damit weniger ein Problem. Sie machen das Ganze ja Professionell. Sprich sie haben viel mehr Möglichkeiten sich intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen, regelkonformes teures Material zu nutzen und die Sitzposition mit Sportwissenschaftlern zu optimieren. Für sie ist einzig der Aspekt ausschlaggebend, wie sie das Maximum an Leistung herausholen. Bei Amateuren, die faktisch Freizeitsportler sind, sind bei der Materialwahl und Position andere Gründe mindestens gleichwertig zu sehen: Das Material zu nutzen, was man sich leisten kann bzw. schon besitzt und so auf dem Rad zu sitzen, dass man sich darauf wohl fühlt und keine Schmerzen hat. Sie sind von den Auswirkungen viel mehr betroffen. Dies sind zwei unterschiedliche Aspekte, die natürlich nicht ganz einfach in einem Reglement zu berücksichtigen sind. Die einen wollen rein ihre Leistung verbessern, die anderen sind froh erstmal teilnehmen zu dürfen. Deswegen sollten Kommissäre Augenmaß besitzen, was meist der Fall ist.